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Gerald Roman Radler: Deine Kerze flackert / Der Fliegenpilz (77)

Die Kerze flackert leicht. Ein Zauberer starrt in die Flamme. Sein Umhang ist zugleich sein quietschendes Flügelpaar, mit magischen Symbolen besetzt, in schwarzem Samt. Ich atme mit geblähter Nase, bevor ich uns bedecke. Hoffentlich stürzt er sich nicht ins Wachs. Er war vom Fliegenschwamm aufgeflogen und hat nicht gesprochen, doch sein Kopf sah wie ein Totenschädel aus. Der Nachtfalter hatte sich nach der gelebten Magie verändert und war zu dem geworden, was ich jetzt sah.

Im Geist fliegt ein Vogel über den nachtblauen Himmel. Jetzt lachst du im Schlaf. Ich möchte etwas sagen, doch ich träume wohl schon. Wieder flattert ein Vogel über das Haus, diesmal erkenne ich ihn, es ist ein pfeifender Sperber. Du spielst auf einer gläsernen Geige. Ich kann die Melodie nicht hören, der Wind in meinem Körper braust so stark. Da sitze ich schon aufrecht unter der Verhörlampe des abnehmenden Mondes. Ich drücke das Polster über mein Gesicht. Du weinst im Schlaf und ich begreife endlich unsere schreckliche Wahrheit.

Verzeih, ich bin ein Monster gewesen, weil ich mich nicht erkannte.
Der Falter fällt dumpf zu Boden, der Vorhang raschelt, es ist wieder still…

Auf einem viel zu langen Weg,
verlor ich mein Selbst,
verlor meinen Körper.
Auf einem viel zu langen Weg,
verlor ich dich.
Ich konnte nicht aufpassen,
dabei wollte ich es so sehr.
Ich war so stolz,
weil ich auf uns aufpassen wollte.
Auf einem viel zu langen Weg,
verschrieb ich mich einem tödlichen Freund.
Aber die Dinge am Anfang waren schon so klein,
dass ich sie nicht mehr erkennen konnte.
Ich sah nur mehr das Abbild,
von meinem Selbst,
von meinem Körper
und von dir.

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